Zu Gast im Schloss Sierndorf, auf der Burg Rastenberg und im Renaissancehaus Stein

Therese Backhausen

Das erweiterte Programm anlässlich der Generalversammlung führte uns am 10.06.2017 zu drei sehr unterschiedlichen historischen Baujuwelen.

Das erste Ziel war ein Ort voll pulsierender Tradition nordwestlich von Stockerau. Auf Schloss Sierndorf wurden wir bereits vom Schlossherrn Nikodemus Graf Colloredo-Mannsfeld erwartet, unter der Ägide der alttestamentarischen Portalfiguren des Saul und des David begrüßt und umgehend zu einer Kirchenführung gebeten. Vom Vortragenden Karl Falschlehner war nicht nur vieles über die Gründergeschichte Sierndorfs zu erfahren, auch mit interessanten Details konnte er aufwarten. So stellte die spätmittelalterliche Schlossbesitzerfamilie von Tirna nicht nur zwei Wiener Bürgermeister, sondern stiftete auch die Tirnakapelle im Wiener Stephansdom. Das ist jene Kapelle, die später zur Grabstätte des Prinzen Eugen wurde. Die Sierndorfer Schlosskapelle, seit dem Jahre 1783 Pfarrkirche, ist eine mittelalterliche Gründung. Wilhelm von Zelking, dessen Familie eine Reihe von Besitzungen in Nieder- und Oberösterreich hatte, erwarb auch dieses landesfürstliche Lehen gegen Ende des 15. Jh. und ließ es um 1518 um- und ausbauen. Es handelt sich hier um ein bemerkenswertes Ensemble von Architektur und gleichzeitiger Ausstattung am Übergang von der Spätgotik zur Renaissance. Der Steinaltar von 1518 mit den qualitätvollen Reliefs aus dem Marienleben, der Anbetungsszene mit den Stifterfiguren in der Predella, dem vergitterten Sakramentstabernakel, den Seitenflügeln mit Szenen aus dem Leben Jesu und dem Vera Icon ist ein Zeugnis davon. Besonderes Augenmerk wurde auf zwei farbig gefasste Halbfiguren des Wilhelm von Zelking und seiner Frau Margareta von Sandizell in einer Nischenkonsole der Chorwand gelegt. Sie gelten als erste Frührenaissanceplastiken nördlich der Alpen und werden demselben Meister zugeschrieben, der auch Schöpfer des Badener Töpferaltares ist.

Fotos Paul Plappart-Leenheer

Das spätbarocke, geschwungene Altarretabel wird seit Anfang des 20. Jahrhunderts als Orgelprospekt verwendet. Staunen ließ alle eine noch erhaltene spätgotische Christusfigur mit beweglichen Armen. Bis in das 17. Jh. hinein war es vielerorts üblich, den Leib des toten Christi vom Kreuz zu nehmen und zu Grabe zu tragen. Mit einem stimmungsvollen Orgel- und Violinkonzert mit Werken von Bach, Telemann, Froberger und Händel endete der Kirchenbesuch.

Durch die dreigeschossige Vierflügelanlage, deren Bausubstanz bis ins Mittelalter zurückreicht, führte der Schlossbesitzer selbst. Schon der barocke Stiegenaufgang mit zeitgenössischen Kunstwerken war eine Augenweide. Im Festsaal stellte uns Nikodemus Colloredo anhand einer Büste anekdotisch „Rudolpho“ vor, seinen umtriebigen Ahnherrn und Vater des Salzburger Fürsterzbischofs. Rudolph war jener Colloredo, der Sierndorf im Jahre 1756 erwarb und dem das Schloss seine Vergangenheit zu verdanken hat. Beeindruckt waren wir alle von dem über zwei Geschosse reichenden Saal mit seiner prächtigen hochbarocken Ausstattung und der stuckmarmornen Wandverkleidung. Die imposante Deckenmalerei mit der Darstellung der vier damals bekannten Kontinente, der Jahreszeiten, der Elemente und anderer spannender Allegorien präsentiert sich in scheinarchitektonischer Rahmung. Zum Abschied gab Nikodemus Colloredo allen einen sehr stimmigen Gedanken über Gemeinsamkeiten eines verwurzelten Baumes und eines Schlossbesitzers mit auf den Weg.

Nach dem Mittagessen in Krems wurde das nächste Ziel angepeilt. Majestätisch und weithin sichtbar auf einem Bergkegel präsentiert sich die Burg Rastenberg. Historisch immer im Verbund mit den Burgen Ottenstein und Lichtenfels zu sehen, handelt es sich bei ihr um eine mittelalterliche Höhenburg mit mittigem, pentagonalem Bergfried. Die Burg ist eines der großen romanischen Baudenkmäler Niederösterreichs und hat trotz mehrerer Umbauten ihren mittelalterlichen Charakter bewahrt

Schon auf der Schlossrampe wurden die Mitglieder des Burgenvereins vom Eigentümer Dipl.-Ing. Dorian Graf Thurn-Valsassina und seiner Frau begrüßt. Vieles war über die Geschichte und die historischen Besitzverhältnisse des Hauses zu erfahren. Ab Anfang des 13. Jh. waren es der Reihe nach die Herren von Rastenberche und Neydegg, die Grafen von Lamberg und die Freiherren von Bartenstein. Als es schließlich keinen männlichen Nachkommen mehr gab, heiratete die letzten Bartenstein einen Grafen Thurn-Valsassina. So kam der Besitz im Jahre 1872 an die Familie, deren Ursprung in Norditalien zu suchen ist.

Im Kaminzimmer wird man anhand exakter Baupläne von Adalbert Klaar der Ausmaße der lang gezogenen, schmalen und geschlossenen Anlage mit ihren zwei Innenhöfen gewahr. Die Schlossführung bot einen Eindruck von den imposanten Räumlichkeiten und Gängen und gewährte Einblicke in die Lebenswelt seiner Bewohner, besonders jene des Palas, des mittelalterlichen Wohnturmes, der genauso wie die Vorburg in seinem romanischen Kern unverändert geblieben ist.

Drei tiefe Fensternischen mit ehemals gekuppelten und im 19. Jh. umgestalteten romanischen Rundbogenfenstern – eine Assoziation mit dem Kreuzgang des nahe gelegenen Stiftes Zwettl drängt sich auf – gewähren einen beeindruckend herrlichen Ausblick in die Landschaft. Genauso mussten es auch schon die mittelalterlichen Bewohner gesehen haben, schweift doch der Blick immer noch über unverbaute Felder und Wälder.

Über die mittelalterliche Halle gelangten wir zur Kapelle aus der 2. Hälfte des 16. Jh., die man durch ein romanisches Rundbogenportal betritt. Ein besonderer Schatz und eines der Highlights des Tages war der spätgotische Flügelaltar von 1420, vermutlich vom Meister des Londoner Gnadenstuhls. Das Mittelstück dazu befindet sich in der National Gallery in London. Dargestellt sind auf den Innenseiten in fein punzierter Rahmenleiste Maria mit Kind sowie der Hl. Stephanus, auf den Außenseiten der Hl. Laurentius sowie eine Nonne vor dunklem Grund. Ein kurioses Zeugnis der Jagdpassion eines der Ahnherren Dorian Thurn-Valsassinas sind unzählige, in einem langen Gang präsentierte exotische Trophäen aus dem beginnenden 20. Jahrhundert.

Zuletzt boten die Besitzer noch Zeit und Raum für ausgiebige Gespräche und Fragen.

 

Sehr positiv hervorzuheben ist, dass bei beiden Häusern die Weitergabe an die Next Generation, eines der großen Themen der Generalversammlung, funktionierte. Die alten Mauern sind hier wie dort bewohnt und von den jungen Nachkommen mit ihren Kindern belebt.

 

Eine Besichtigung ganz anderer Natur bot die letzte Etappe der Tour: Georg Graf Spiegelfeld lud zu einer Baustellenführung. Zum Genre der Profanbauten gehört das gegen Ende des 16. Jh. erbaute Holzingerhaus, ein Juwel in Stein an der Donau. Nachdem es mehreren Parteien zu Wohnzwecken gedient hatte und die Vorbesitzerin in einem unglücklichen Intermezzo das Gebäude auf mehrere hundert Quadratmeter aufblasen und kommerziell nützen wollte, befindet sich das Objekt nun in seinem Eigentum. Es handelt sich hierbei um ein Renaissancehaus, dessen Fassade Wandmalereien und dessen Eingangsportal ein Wappenstein der Familie Holzinger mit darüberliegendem Relief eines Ritters, seitlich ein Greif und ein Löwe sowie ein Oberlichtgitter zieren. Georg Spiegelfeld führte uns durch eine tonnengewölbte Einfahrt zum Hofflügel mit den zweigeschossigen Arkaden sowie zu den mit vegetabilem, in Teilen aufgrund unsachgemäßer Einbauten nur mehr rudimentär erhaltenem Stuckdekor verzierten Innenräumen im zweiten Stock. Der neue Hausbesitzer strebt eine behutsame Stabilisierung und Restaurierung der vorhandenen Bausubstanz an und hat begonnen, den Bau zu öffnen sowie sämtliche Mauerteile der vormaligen Wohnungseinbauten zu entfernen. Geplant sind im Erdgeschoss eine Weinpräsentation und im zweiten Stock ein beratendes Denkmalbüro, dazwischen lockere, nicht abgegrenzte Wohnungen für Studenten.

Davon, wie unterschiedlich die Auffassungen von Denkmalamt und Objektbesitzer sein können, vermag Georg Spiegelfeld anhand eines Fensters ein Lied zu singen. Kastenfenster? Oder doch ein einfaches Fenster? Das Problem ist, dass der Besitzer oft nicht sofort weiß, was das Denkmalamt will, und umgekehrt weiß es dieses auch nicht immer. Genau das ist die Problematik, zu deren Lösung auch der Burgenverein beitragen möchte und muss.

Im zukünftigen Raum für Weinpräsentationen konnte dieser Tag mit einem interessanten und abwechslungsreichen Programm samt großzügiger Bewirtung und beeindruckender Gastfreundschaft in allen drei Häusern beschlossen werden.

Die Organisatoren Kathi Hatschek und Alexander Kottulinsky können positiv bilanzieren und dürfen auf ihr Tagwerk stolz sein.